Streifen AltZurück zur Startseite
Presse•  21. bis 27. Juli 2017 Stolberger Nachrichten

Stolberger Nachrichten 21. bis 27. Juli 2017

2. Klassik-Festival mit Schwung in Stolberg 

     

Klassik-Festival: Publikum im Zinkhütter Hof zeigt sich begeistert

von Dirk Müller

Stolberg. Das Stolberger Klassik-Festival geht in die nächste Runde. Zum zweiten Mal findet die Veranstaltungsreihe, die von Patricia Buzari initiiert wurde und auch in diesem Jahr geleitet wird, nun schon in der Kupferstadt statt. Bei der Auftaktveranstaltung, die Donnerstagabend im Museum Zinkhütter Hof stattfand, konnten die Besucher Patricia Buzari auch als Pianistin erleben.

Roman Verhees spielte sich in die Herzen der Zuhörer. Foto: Dirk Müller

Gemeinsam mit ihrem Geiger Roman Verhees begeisterte sie das Publikum. Noch bis einschließlich Sonntag dauert die Konzertreihe. Unter anderem werden in diesem Jahr Echo-Preisträger Alexander Krichel, die Pianistin und Improvisationskünstlerin Marina Baranova, die Pianistin Sheila Arnold und der Cellist Guido Schiefen sowie der ARD-Preisträger Alexej Gorlatch mit von der Partie sein. Auch das Duo Ilona Waidosch und Ted Ganger (Gesang und Klavier) wird sein Publikum auf musikalische Höhenflüge mitnehmen. Zudem findet zum ersten Mal ein internationaler Jugendwettbewerb statt.

   

Narrentanz, Trauermarsch und Improvisationskunst

 

Von: mlo

Stolberg. Als Meisterin der Improvisation erwies sich Marina Baranova, die ihr aktuelles Programm „Hypersuites“ nun auch nach Berlin, Bremen, München und Brüssel im Stolberger Klassik-Festival vorstellte.

Zeigte ihr großes Improvisationstalent am Konzertflügel: die Musikerin Marina Baranova. Foto: Marie-Luise Otten

Die deutsch-ukrainische Künstlerin hatte sich mit deutschen und französischen Komponisten aus der Barockzeit beschäftigt, deren Stücke sie zu Suiten zusammengesetzt hatte und auf ihre eigene Weise spielte. Sie baue ihre Assoziationen bei freien Stellen innerhalb der Stücke auf, erklärte sie zu Beginn, wie es auch schon andere Komponisten vor ihr getan haben. Am Beispiel der „Sarabande und Variationen über La folia“ zeigte sie, wie De Salina, Rachmaninow, ein Bach-Sohn oder Grieg dieses melodisch-harmonische Satzmodell von Georg Friedrich Händel umgesetzt haben. Von übermütiger Ausgelassenheit als Narrentanz über einen Trauermarsch bis hin zu einer norwegischen Melodie war alles möglich.

Die zweite Suite brachte Musik von Jean Philippe Rameau. Die französischen Barockkompositionen unterscheiden sich von den deutschen durch ihre fantasievolleren Namen, so Baranova. In den fünf Sätzen sei ganz viel Einfluss ihrer Eltern erkennbar. In der Ukraine hatte die Familie eine kleine Wohnung, und in jedem Zimmer stand ein Klavier. Ihre Mutter unterrichtete Klassik, ihr Vater Jazz und dank dieser unterschiedlichen Welten konnte Baranova sehr früh ihre Leidenschaft sowohl zur Klassischen Musik als auch zur Improvisation entdecken.

Nach der Pause ging es mit zwei Hypersuiten über Musik von Johann Sebastian Bach und Francois Couperin weiter. Was die Veränderung und den Reiz der einzelnen Sätze ausmachte, war, dass sie für Orgel geschrieben, nun aber auf dem Steinway-Flügel gespielt wurden. Dazu kam die persönliche Interpretation der hochbegabten Künstlerin. Sie hat Fantasie, bedient sich verschiedener Stile, Formen und Gattungen und setzt sie auf neue, individuelle Weise zusammen. Noten gibt es dafür nicht. Ihre Musik eröffnet neue Horizonte, ist kreativ und überraschend und bot im reizvollen Ambiente des Saals ein außergewöhnliches Musikerlebnis.

Nach dem stürmischen Applaus spielte sie eine Eigenkomposition zu dem Märchen „Der Feuervogel“ als Zugabe. Hier ging es um die ständige Suche nach dessen Wunderfeder, die den Menschen Glück bringt.

Neuer Baustein für das Klassik-Festival

 

von: mlo

 

Stolberg. Der neue Baustein im zweiten Klassik-Festival ist in Stolberg angekommen. Das erste Lunchkonzert für knapp fünfzig Personen im großen Saal des Museums Zinkhütter Hof war ein Genuss für Ohr und Gaumen.

Alexander Krichel erhielt im Jahr 2013 den Echo-Klassik in der Kategorie Nachwuchskünstler. Nun war der junge Pianist in Stolberg zu Gast und unterhielt die Gäste beim zweiten Klassik-Festival im Rahmen eines Lunchkonzerts. Foto: Marie-Luise Otten

Das lag zum einen an Echo-Preisträger Alexander Krichel, der energisch und packend die Musik von George Gershwin und Maurice Ravel präsentierte, und zum anderen am Team um Serkan Sistermann, das an den „Konzert-Tischen“ mit einem köstlichen dreigängigen Menü im Anschluss aufwartete.

Im besonderen Ambiente des denkwürdigen Hauses vor einem herrlichen Blumenschmuck erzählte Alexander Krichel zunächst Hintergründiges zur Entstehung der „Rhapsody in Blue“: Vier Monate vor der Uraufführung am 12. Februar 1924 beauftragte der Bandleader Paul Whitman George Gershwin ein Werk für sein Orchester zu schreiben, das Jazz und Klassik zusammenführe. Gershwin als Fan von Korrekturen und Änderungen lehnte aus Termingründen zuerst ab.

Als er dann Anfang des Jahres überrascht auf eine Zeitungsannonce in der New York Post stieß, in der Whiteman ein Jazz-Konzert mit ihm ankündigte, hatte er keine Wahl mehr und setzte seine Ideen, die ihm durch das monotone Geräusch auf einer Eisenbahnfahrt ins Ohr kamen, umgehend um. Inspiriert durch eine Ausstellung von Maler James McNeill Whistler, der seinen Kunstwerken oft Namen wie Symphony in White oder Arrangement in Grey and Black gab, nannte Gershwin sein Stück „Rhapsodie in Blue“.

Viele Versionen mit Orchester oder einfach nur auf dem Klavier sind seither erschienen. Diese hoch raffinierte Komposition verlangt dem Pianisten außerordentliche Fingerfertigkeiten ab, denen Krichel voll gerecht wurde. Er gab der Interpretation viel Raum und Spannung, so dass der Versuch, Jazz und konzertante Sinfonik zusammenzubringen, nicht nur in New York, sondern auch in Stolberg zu einem großen Erfolg wurde.

Anders waren die Interpretationen von Maurice Ravel. Er war das große Vorbild für George Gershwin, der bei ihm 1928 Kompositionsunterricht nehmen wollte, aber eine Absage erhielt mit der Begründung, dass er lieber ein erstklassiger Gershwin bleiben möge, statt ein zweitklassiger Ravel zu werden. Viele Menschen verbinden mit Ravel den „Bolero“, dabei gehöre dieses populäre Orchesterwerk nicht zu seinen besten, so der Echo-Preisträger.

Er sprach von Ravels Musik als einem Mysterium. Der akribische Naturforscher Ravel habe es geschafft, die Natur in Klänge umzusetzen, was im Zyklus „Miroirs“ (Spiegelbilder) für den Kenner deutlich herauszuhören war. Das Werk zählt zum Schlüsselwerk des französischen Impressionismus und stellt an Pianisten sehr hohe technische Anforderungen, die der Echo-Klassik Nachwuchskünstler des Jahres 2013 mühelos umsetzte.

Die Darbietung war ein Spiel mit reizvollen Kontrasten, eine musikalisch packende Reise zwischen Licht und Schatten, die alle Farbnuancen des Klaviers widerspiegelten. Nach dem lang anhaltenden Schlussapplaus bedankte sich der Künstler mit einem Wiegenlied, das er selbst komponiert und einem Förderer in Südamerika gewidmet hatte, der an Schlafstörungen litt.

Dann servierte das Team Sistermann sein Menü mit gemischten Antipasti als Vorspeise, Rinderfilet mit Rotweinschalotten, glasierten Möhrchen und Pommes Macaire. Als Dessert gab es Panna Cotta mit Früchten. Mit Partnern oder Freunden ein Konzert besuchen und nachher ein besonderes Menü genießen war eine tolle Idee, bereicherte das zweite Klassik-Festival ungemein und verlangt nach Wiederholung.

Kleine Talente kommen beim Klassik-Festival ganz groß raus

Von: Merve Polat

Stolberg. Nichts lässt darauf schließen, dass Natascha gleich vor einem Publikum, das aus Freunden und Verwandten besteht, auftreten wird. Sie steht ruhig und gelassen mit ihrer Violine neben der Bühne und wartet ganz geduldig auf ihren Auftritt. Ganz so entspannt wie es auf den ersten Blick scheint, ist sie dann aber doch nicht: „Ich hoffe immer, dass ich alles richtig mache“, verrät sie.

 

Gemeinsam Musizieren und darüber hinaus auch Spaß haben: Das steht beim ersten Jugendwettbewerb im Rahmen des zweiten Stolberger Klassik-Festivals für die Kinder und Jugendlichen im Alter von sieben bis 17 Jahren im Vordergrund. Foto: Merve Polat

Die Preisträger
des Wettbewerbs:

Beim ersten internationalen Jugendwettbewerb, der im Rahmen des zweiten Stolberger Klassik-Festivals stattfand, gehörten diese Teilnehmer zu den diesjährigen Preisträgern: Clara Wedel an der Violine, Nisrine Bourkia am Klavier, Ella Dorothea Dellbrück an der Oboe sowie Deliane Arnold an der Violine und Natascha Botchway an der Violine.

Als Natascha schließlich Werke von Bach und anderen berühmten Komponisten zum Besten gibt, erfüllen wohlklingende Töne den großen Raum im Zinkhütter Hof. Strahlend sprudelt es nach ihrem Auftritt aus ihr heraus: „Ich bin so erleichtert, es hat alles geklappt.“ Mit ihren zwölf Jahren ist sie eine der Jüngsten, die beim internationalen Jugendwettbewerb im Rahmen des zweiten Stolberger Klassik-Festivals ihr Können unter Beweis stellen. Ob es wohl für einen Platz auf dem Treppchen gereicht hat?

Neun junge Nachwuchskünstler von sieben bis 17 Jahren begeisterten im ersten Jugendwettbewerb in den drei Kategorien Klavier, Streichinstrumente und Blasinstrumente das Publikum. Hierbei wurden sie vorab in drei Altersgruppen unterteilt und die fünf Erstplatzierten durften sich über lukrative Preise in Höhe von 250 bis 1500 Euro freuen.

Neben den Preisgeldern stehe aber vor allem eines im Vordergrund, wie die musikalische Leiterin, Patricia Buzari, erzählte: „Der Wettbewerb soll den Kindern und Jugendlichen einfach Spaß machen. Wir geben ihnen die Möglichkeit, Freundschaften zu schließen und auch Inspiration zu sammeln.“

Und dieses Konzept schien aufzugehen: Nach dem Auftritt von Natascha, der gleichzeitig auch der Abschluss des Wettbewerbs war, beglückwünschten ihre Mitstreiter sie. „Du hast echt super gespielt“, bekam sie zu hören. Unter anderem auch von dem 17-jährigen Tilmann, der zuvor am Klavier auftrat und weiß, wie anstrengend die Vorbereitung auf einen solchen Auftritt sein kann: „Wir stecken alle im Vorfeld sehr viel Arbeit in das Üben rein“, sagte er.

Der internationale Jugendwettbewerb fand in dieser Form zum ersten Mal statt und entwickelte sich aus dem Jugendkonzert beim ersten Stolberger Klassik-Festival im vergangenen Jahr. „Wir wollen den Kindern eine Bühne bieten und ihre Arbeit belohnen“, erklärte Buzari. Der Klavierpädagogin und Konzertpianistin war wichtig, dass der Wettbewerb ein internationaler ist. Aus diesem Grund gab es nicht nur Ausschreibungen an den deutschen Musikhochschulen, sondern auch an denen in den Nachbarländern Belgien und den Niederlanden.

Angelehnt war das Konzept an den Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“. Auch beim internationalen Jugendwettbewerb wurden die Teilnehmer von einer Jury bewertet. Maximal 25 Punkte konnten die jungen Talente in den Rubriken Musikalität, Texttreue, Stilistik, Technik und Bühnenpräsenz erzielen. „Trotzdem sind alle, die hier sind, schon Gewinner“, sagte Buzari.

Und wie schnitt Natascha Botchway ab? Sie gehörte am Ende zu den Preisträgern der diesjährigen Veranstaltung. Ob sie im kommenden Jahr auch wieder dabei ist, wird sich zeigen. Fest steht allerdings jetzt schon, dass der Jugendwettbewerb weiter ausgebaut werden soll. So will Patricia Buzari auch Vorschulkindern eine integrieren und eine Bühne bieten.

Mühelose Reise durch die Musikepochen


 

Von: mlo 

Stolberg. Die Reihe der Kammermusiken im 2. Klassikfestival wurden am Samstagabend mit einem Duo-Vortrag fortgesetzt. Sheila Arnold (Klavier) und Guido Schiefen (Violoncello) hinterließen in der fürstlichen „Kammer“ des Museums Zinkhütter Hof ein ausdrucksstarkes Spiel voller Wärme und Tiefe.

Applaus für ein gelungenes Konzert: Die Pianistin Sheila Arnolds und Violoncellist Guido Schiefen hinterließen beim Publikum im Zinkhütter-Hof einen nachhaltigen Eindruck. Foto: M. L. Otten

Schon nach den ersten Tönen stand für die Zuhörer fest, dass man es hier mit außergewöhnlichen Interpreten zu tun hatte, die sowohl kultivierte Streicherklänge wie auch klangintensive Klaviertöne im besten Dialogstil und in jenem Respekt vortrugen, den gutes Handwerk immer und überall verdient. Es gelang den Beiden, dass Publikum nicht nur zu überzeugen, sondern regelrecht in Begeisterung zu versetzen.

Ohne Anzeichen von Anstrengung oder Ermüdung, bewältigten sie die Werke verschiedenster Zeitepochen und bedankten sich am Ende sogar noch mit drei Zugaben.

Kontraste waren es, die die Programmfolge auszeichneten. Auf Ludwig van Beethovens „Sonate für Klavier und Violoncello C-Dur op. 102,1“ folgte eine „Sonate für Violoncello“ von Györg Ligeti, bestehend aus dem geschmeidigen Dialogo, den Schiefen sehr einfühlsam strich, und einem feurigen Capriccio, in dem der Preisträger des renommierten Tschaikowsky-Wettbewerbs in Moskau seinem Temperament freien Lauf ließ.

Tief versunken im Spiel, lotete er sämtliche Extreme der Dynamik, Artikulation und Tempi aus und trieb den Puls der Zuhörer in die Höhe, der sich dann bei der „Sonate“ von Claude Debussy, von beiden gespielt, wieder auf ein Normalmaß einpendelte. Durch seinen unverwechselbaren Charme an farbensprühenden Klangbildern hat sich Debussys Werk als die meistaufgeführte Violoncello-Sonate des 20. Jahrhunderts etabliert.

Einen weiteren musikalischen Leckerbissen setzte Sheila Arnolds dann mit einer Auswahl von Préludes vom gleichnamigen Impressionisten und anderen Werken des japanischen Komponisten Tore Takemitsu, dessen Kompositionen sich an Debussy orientierten. Klangliche Sensibiliät, fließende, gleitende Melodiebewegungen, dissonante Klänge, übermäßige Dreiklänge tauchten für Augenblicke auf, vermischten sich und zeigten vielfältig wechselnde Farben.

Das Finalstück gehörte Johannes Brahms. Mit der sinnlichen „Sonate e-moll für Violoncello und Klavier“ schuf er eine hörbare Liebeserklärung an die 14 Jahre ältere Pianistin Clara Schumann.

Stehende Ovationen und lang anhaltender Beifall von Seiten des Publikums wurden mit der „Feldeinsamkeit“ und ungarischen Tänzen von Brahms als Zugaben belohnt.

Star-Pianist Alexej Gorlatch gibt seine Visitenkarte in Stolberg ab

 

Von: mlo

Stolberg. Er wurde in keine Musikerfamilie hineingeboren. Mit sieben Jahren hat er in der Musikschule angefangen, Klavierunterricht zu nehmen. Heute mit 29 Jahren ist er Professor für Klavier an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main. Die Rede ist von dem begnadeten Pianisten Alexej Gorlatch, der beim Stolberger Klassik-Festival seinem Ruf gerecht wurde.

 

 

Sympathischer Star zum Anfassen: Alexej Gorlatch beim Signieren der CDs nach dem Konzert. Foto: M. L. Otten

Das anspruchsvolle Programm verlangte von dem Sieger des Internationalen ARD-Musikwettbewerbs 2011 ziemlich alles, was es an technischen Herausforderungen am Klavier zu bewältigen gibt. Seine Darbietungen waren für die Besucher im gut gefüllten Saal so, wie man es sich als Hörer fesselnder nicht wünschen kann.

Er und sein Instrument waren eine Einheit. Neben einem stillen und reizvollen Werk von Ludwig van Beethoven setzte Gorlatch bekannte und weniger bekannte Stücke von Frédéric Chopin variantenreich und glänzend um.

In den sechs Variationen in F-Dur über ein eigenes Thema des Bonner Meisters entwickelte sich die zarte und leise Melodie von Variation zu Variation zu einer großen Spannweite an unterschiedlichen Charakteren. Da musste nichts erklärt werden, die Musik sprach für sich.

Diese Faszination setzte sich in „Berceuse“ op 57, „Polonaise-Fantaisie“ op 61 und in den beiden Préludes Nr. 15 und Nr. 24 von Chopin fort. Nach der Pause ging es mit Kompositionen des polnischen Wunderkinds weiter. Von pianistischem Reiz sind die zwölf Etüden für Klavier, op. 10, Tonstücke, die allgemein „als eine künstlerische Höchstleistung im Gebiet der mechanisch-technisch wertvollen, wie geistig inhaltlich bedeutenden Klavierliteratur anerkannt sind und ewige Bedeutung behalten“.

Mit einer Spieldauer von zwei bis vier Minuten eigneten sie sich als Experimentierfeld Chopins, der hier die Ausdrucksmöglichkeiten des Klaviers auslotete.

Auch Alexej Gorlatch beherrschte dieses Feld mühelos und setzte alle erdenklichen Stil- und Ausdrucksmittel ein, um diese relativ selten gespielten Etüden in den Rang von herausragenden, bedeutenden Kunstwerken zu erheben. Dass er, der auf den wichtigsten Konzertpodien der Welt gastiert hat, im beschaulichen Stolberg seine Visitenkarte hinterließ, war für die Besucher des 2. Klassikfestivals eine große Ehre.

Als Zugaben spielte er eine Mazurka und das bekannte „Prélude Nr. 4 op 28,“ das laut Robert Schumann „durch die Ausbildung des Harmonischen die Leidenschaft feinerer Schattierungen erhielt, wodurch die Musik in die Reihe der höchsten Kunstorgane gestellt wurde, die für alle Seelenzustände Schrift und Zeichen haben“.

Klassik-Festival: Abschluss mit Waidosch und Ganger

Von: mlo

Stolberg. Mezzosopran und Klavier war das letzte Konzert des 2. Klassikfestivals benannt. Die Ausführenden waren Ilona Waidosch und Liedbegleiter Ted Ganger. Der Pianist, Solorepetitor und Kapellmeister an verschiedenen Opernhäusern, hatte auch eigene Songs geschrieben, die er an diesem Abend zu Gehör brachte und auf dem herrlichen Flügel im Museum Zinkhütter Hof untermalte. Wenn es nicht klappen würde, meinte er augenzwinkernd, läge es nicht am Instrument. Beim Stolberger Klassikfestival standen Ted Ganger mit Ilona Waidosch zum ersten Mal gemeinsam auf der Bühne. Die Beiden bestritten das Programm „Feeling My Way“ abwechselnd und nahmen die Zuhörer mit auf eine musikalische Lebensreise, angetrieben von Sehnsüchten, Liebe, Trieben, Enttäuschungen und Frustationen. Da war viel von Träumen die Rede, von Versöhnung, Veränderung und Straßen, die gegangen werden müssen.

Applaus am Ende der Vorführung: Sängerin Ilona Waidosch und Pianist Ted Ganger zum Finale des Klassik-Festivals. Nicht alle Gäste waren mit der Darbietung der Künstler zufrieden. Foto: M. L. Otten

Keine Schublade

Ted Gangers Songs passen in keine herkömmliche Schublade. In einer einzigartigen Mischung aus Pop, Musical und Klassik beschäftigen sie sich mit persönlichen Erlebnissen und Gefühlen, die allen Menschen bekannt sind. Man läuft hinter etwas her, was es nicht gibt, unschuldige Liebe stand der erfahrenen gegenüber, und man singt eine Hymne auf das Licht jenseits der Dunkelheit.

Er präsentierte die in englischer Sprache verfassten Lieder witzig oder melancholisch, böse, zärtlich, traurig oder aber heiter, provozierend und versöhnlich. Sie unterhielten, regten zum Nachdenken an und berührten unmittelbar.

Der Schwerpunkt der Sängerin, die in Italien und Deutschland als freischaffende Künstlerin tätig ist, liegt bei der französischen Oper sowie bei Verdi und Wagner. Und so war es nicht verwunderlich, dass sie aus „Samson und Dalila“ von Camille Saint-Saens zwei verführerische Arien der Priesterin des Dagon sang.

Gedichte von Mathilde Wesendonck hatte Richard Wagner zu einem Liederzyklus verarbeitet, aus dem sie das letzte Klavierlied „Träume“ interpretierte. Vom französischen Komponisten Ernesto Chausson stammte „La caravane“, von Franz Schubert die „Gefrorne Tränen“, das dritte Lied der Winterreise. Im „Traum“ von Frederico Mompou, das Ilona Waidosch auf Katalanisch sang, war der Liebende der Seufzer in einem Blumenmeer auf der nackten Haut der Geliebten.

Ein Zeitgenosse Puccinis war Francesco Paolo Tosti, dessen „Ideale“ viele Sänger und Sängerinnen im Programm haben, und das auch im Zinkhütter Hof auf die Bühne kam. Die „Mattinata“ von Ruggero Leoncavallo und das „Somewhere“ von Leonard rundeten den Finalabend ab.

Obwohl die Sängerin über eine große und dramatische Stimme verfügte, waren die Darbietungen nicht immer überzeugend. Die Reaktionen unter den Zuhörern waren vielfältig und teilweise so kritisch, dass einige Personen im Saal sich schon in der Pause der Veranstaltung verabschiedeten.

363438